Türkeireise
2002
"Go
East"
Der
Bericht
Endlich sind
wir dort angekommen, worauf all unser Denken und Handeln seit fünf
anstrengenden Fahrtagen und 2650km im Sattel fixiert ist; an der türkischen
Grenze!
Unser Plan ist es, eine Rundtour
durch die Türkei (West / Süd / Ost / Nord) und - sollte es die Zeit erlauben -
noch einen „Abstecher“ durch den Iran zu machen.
Wir haben dafür bis zu 2 Monate
Zeit!
Das Einreiseprozedere dauert nur 1,5h
und die Grenzer sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sogleich – wie zur Bestätigung
das wir uns für das richtige Land entschieden haben - bekommen wir von einem lächelnden
Grenzer jeder eine handvoll Sonnenblumenkerne sowie eine erste Ahnung dieser
hier so selbstverständlichen Gastfreundschaft.
Welche Last fällt von unseren
Schultern als wir endlich türkischen Boden betreten und die endlose Fahrerei
und die ständigen Grenzübertritte auf unserem Weg durch den Balkan endlich ihr
Ende finden!
Nachdem wir einen tollen Abend in den
nur 40km von der Grenze entfernten Freßgassen von Edirne, mit ihren vielen
kleinen Buden und tollen Gerüchen, verbracht haben, fahren wir dann am nächsten
Tag ins 250km entfernte Istanbul. Einen ganzen Nachmittag verbringen wir damit
Preisvergleiche der
in Frage kommenden Hotels anzustellen und lernen so ganz nebenbei ordentlich
handeln, schließlich wollen wir 6 - 8 Tage in Istanbul verbringen! Und diese Woche ist einfach herrlich!
Wir haben Gelegenheit unsere fahrmüden
Knochen zu regenerieren und zugleich orientalische Lebensart und eindrückliche
Besichtigungen traumhafter Paläste und Moscheen - quasi en gros - zu erleben.
Besonders gefallen uns die Besichtigungen des Dolmabahce-, und Topkapi - Sarayi.
Auch die Erkundung der Hagia Sophia und der blauen Moschee mit ihren 6 riesigen
Minaretten ist ein Traum. Doch in den Stadtverkehr trauen wir
uns mit der AT nur sehr ungern! Als wir ein erstes Paket mit überflüssigem
Reiseequipment und Souvenirs gen Heimat schicken wollen ist schnell klar, daß
wir durch die halbe Stadt fahren müssten um zu einem geeigneten Postamt zu
kommen.
Also entern wir ein Taxi und nach
einer Preiseinigung bekommen wir nebst einer schönen Stadtbesichtigung eine
Gratisfortbildung in Sachen „Vorankommen in einer türkischen Großstadt trotz
annäherndem Stillstand des Verkehrs“. Wirklich
unglaublich durch welche - eigentlich nicht vorhandenen - Lücken so ein landesübliches
Fiat - Taxi passt!
Per Schnellfähre über das
Marmarameer (Ersparnis: 170km Landweg) in Richtung Süden, kommen wir in 40min.
dann auf dem asiatischen Teil der Türkei und, 50km Landweg später, auch in
Bursa an.

Ehemals eine wichtige Station für
die Karawanen der Seidenstraße, beeindruckt diese wohlhabende Stadt auch heute
noch mit einem großen und ursprünglichen Basar.
Wir finden ein schönes Hotel, im
etwas außerhalb gelegenen Ortsteil „Cekirge“ mit eigener Thermalquelle und
herrlichem „Hamam“
- dem türkischen Bad-, dass wir, mangels anderer Gäste, ganz für uns alleine
haben. Herrlich!
Als wir uns fertig machen um den
Bursa'er Hausberg - den Uludag - zu befahren, halten plötzlich 2 nagelneue
Africa Twins an. Die einheimischen Besitzer Engin und Aykut laden uns spontan
zum Tee ein und nach einigem Woher und Wohin fahren wir dann noch mit Ihnen auf
„ihren“ Berg.
Der Uludag ist immerhin 1750 MüM
hoch, hat meist 4 - 5 Monate Schnee und ist damit das größte erschlossene
Skigebiet der Türkei.
Engin ist winters Skilehrer und ganzjährig Betreiber zweier In - Pubs der örtlichen
Schicki - Mickis.
Aykut ist ein äußerst
wohlhabender Großunternehmer der sein Geld mit der Produktion und Zulieferung
von Autoteilen u.a. für Volvo und Scania macht.
Beide sind trotz ihres offensichtlichen Reichtums sehr herzlich und offen. Mit der Adresse von Aykuts Schwiegervater in der Tasche, fahren wir dann weiter
ohne festes Ziel Richtung Südwest.
Unterwegs bei einer Teepause in Simav,
einem kleinen Provinzdorf, 150km von Bursa entfernt, werden wir von einem
Einheimischen spontan zum Essen und Übernachten eingeladen. Bei einem eilig aufgebauten Picknick
lernen wir einen Großteil seiner Familie kennen und müssen Rede und Antwort
stehen. Abends werden wir im Dorf dann noch dem örtlichen Muezzin nebst einigen
Bekannten und Nachbarn vorgestellt.
Der Kontrast zu unserer Bekanntschaft
vom Vortag könnte größer nicht sein und es ist beschämend mit welchem Aufwand wir beköstigt werden, v.a. da unsere
Gastgeber arm sind und in sehr bescheidenen Verhältnissen leben. Nach einer
sehr herzlichen Verabschiedung und dem Gefühl alte Bekannte zu verlassen
brechen wir dann am nächsten Morgen, mit dem Ziel der berühmten schneeweißen
Kalksinterterrassen von Pamukkale, auf. Diese sind allerdings ziemlich enttäuschend, weil komplett überlaufen und
touristisch „über“erschlossen.
Auf unserem weiteren Weg Richtung Süden
rufen wir von unterwegs Aykut's Schwiegervater an und verabreden ein Treffen mit
ihm in seinem Heimatort Datca, ganz am Ende der Marmaris - Landzunge, im äußersten
Südwestzipfel der Türkei.
Der Weg von Marmaris in Richtung
Datca (ganz am Ende dieser 80km langen Sackgasse) ist fahrerisch ein absoluter
Hochgenuß: so schmal das wir häufig
links wie rechts das offene Meer
sehen, zudem windet sich die Straße in perfekten Bögen und ist alle paar
Kilometer mit kleineren Schotterpassagen gespickt, sodass uns (v.a. mir als
Fahrer) das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht
weicht!
Unser Treffen mit Aykut's
Schwiegervater ist ein weiteres Beispiel für die schon sprichwörtliche türkische
Gastfreundschaft.
Er ist ebenfalls äußerst wohlhabend und als er uns mit seiner nagelneuen
Yamaha FJR 1300 abholt und in sein überhaupt nicht bescheidenes Haus auf ein
Bier einlädt kann unsere gute Laune wohl kaum noch gesteigert werden. Zudem
werden wir von ihm und seiner schottischen Frau mit einigen Anekdoten aus ihrem
ziemlich abenteuerlichen Leben spannend unterhalten.
Datca ist ein wunderschönes Hafenstädtchen
und wir genießen den – nicht nur für türkische Verhältnisse - mondänen
Jachthafen und die schöne Promenade. Nach einer kurzen Stippvisite im
150km entfernten Fethiye und weitere 100km entfernten Antalya an der Südküste
verlassen wir die Küstenregion und wenden uns in Richtung Zentralanatolien,
dabei überqueren wir den Rücken des Taurusgebirges.
Dieses Gebirge ist einfach
traumhaft: griffiger Asphalt, breite und gut ausgebaute Kurvenstrecken und ein
gegen Null tendierendes Verkehrsaufkommen garantieren Fahrspaß der Extraklasse.
Auf dem weiteren Weg nordwärts
zu unserem nächsten Ziel, den bekannten Tuffsteinlandschaften in und um Göreme,
fahren wir durch die große Ödnis Zentralanatoliens. Diese Strecke fasziniert uns
besonders durch ihre tollen Horizonteindrücke, die Stille und diese bis dahin
nicht gekannte „Leere“ der Landschaft.
Teils geht es über 100km stur geradeaus ohne das sich die Landschaft irgend wie
verändert oder irgendwelche Spuren menschlichen Lebens zu sehen wären. Ca. 300km von Antalya entfernt
erscheint Göreme und die Zivilisation hat uns schlagartig wieder. Und wie!
Diese sehr kuriose Landschaft aus lauter tuffsteinenen Zinnen und Türmchen ist
nämlich touristisch bestens erschlossen!
Wie gut das hier noch keine
Hauptsaison ist!
So haben wir noch Gelegenheit dieses
Gebiet in Ruhe für uns zu entdecken. Auch die schöne Pension „Keles - Cave“
mit fantastischem Panoramablick und Zimmer im Tuff ist schnell gefunden. Nachdem wir einige in den Tuff
geschlagene Kirchen bewundert, einen Pferdeausritt durch diese unwirkliche
Landschaft überlebt und einen interessanten Abend mit zwei fränkischen
Missionaren der Zeugen Jehovas - mit Wirkungskreis Istanbul! - verbracht haben,
sind wir dann mit dem vagen Ziel Osttürkei wieder aufgebrochen.
Und kaum aus dem Tuffgebiet raus,
sind wir gleich wieder von dieser unglaublich faszinierenden Leere Anatoliens
wie gebannt. Mitten im Nichts erscheint plötzlich rechts der Straße ein ausgestorben
wirkendes Städtchen namens Sultanhane (zwischen Göreme und Kayseri) und
zugleich Sitz der gleichnamigen Karawanserei.
Karawansereien waren in vorigen
Jahrhunderten wichtige Anlaufstellen für reisende Karawanen; konnten sie doch
hier gegen Bezahlung bis zu 3 Tage rasten und Schutz finden. Diese Karawanserei
ist besonders groß und mehrfach restauriert, sodass wir eine gute Vorstellung
von dem damaligen Leben hinter diesen schützenden Mauern bekommen.
Nach einer Besichtigung zieht es uns
wieder zurück in diese großartige Einsamkeit auf unserem Weg Richtung Osten.
Am frühen Abend kommen wir dann im
250km entfernten Malatya - einer Stadt am Rande des inoffiziellen Kurdistans -
an. Ursprünglich wollen wir nur eine Nacht schlafen um dann am nächsten Tag an
den Van - See, unser nächstes großes Etappenziel, weiterzufahren. Nach einem
kräftigen Frühstück entdecken wir jedoch im Altstadtbereich einen wunderschönen
Handwerkerbasar, sodass wir uns kurzerhand entschließen, hier ein paar Tage zu
verbringen. Da gibt es Kesselflicker, Kunst- und
Grobschmiede, Kupferkesselhersteller,
Verzinker, usw. die allesamt
ihrer Arbeit in kleinen Holzhütten an und auf der Straße nachgehen und das
z.T. mit recht primitiven, aber effektiven, Gerätschaften.

Hier hätten wir uns unseren aufwändigen
(und entsprechend teuren) Edelstahlträger und die Alukoffer bauen lassen
sollen, denken wir uns, während wir mit großen Entdeckeraugen hier
rumschlendern.
Dieser mittelalterliche Handwerkerbasar ist ein absolutes Highlight unserer
bisherigen Reise und wir verbringen Stunden beim Schlendern und Feilschen auf
dem angrenzenden Basar.
Als wir zum Hotel zurückgehen müssen
wir den Portier von unserem Moped vertreiben, denn er läßt sich von Freunden
im Sattel der aufgebockten Africa Twin bewundern und schaukelt wild darauf
herum. Nach einigen Tagen der Ruhe und Regeneration nehmen wir dann wieder diese
traumhafte Strecke in Richtung Osten unter die Räder, jetzt sogar hin und
wieder mit Kurven garniert! Auffallend ist die mit jedem Höhenmeter klarer
werdende Luft und das stetig intensiver werdende Licht.
Mittlerweile bewegen wir uns nämlich
dauerhaft auf mehr als 1400 MüM. Hier fällt
nur selten Regen, sodaß die Luft sehr trocken und dunstfrei ist. Eine
ausgezeichnete Fernsicht ist das erfreuliche Ergebnis.
Nach 350 wunderschönen Kilometern
erreichen wir die kleine Stadt Tatvan ganz am westlichen Ende des Van - See's.
Dieses Städtchen ist nicht sehr ansehnlich und hat eigentlich nichts weiter zu
bieten als einige simple Übernachtungsmöglichkeiten und ein einfaches Lokal.
Früh brechen wir auf, um zu unserem eigentlichen Ziel, der Stadt Van, ganz am
östlichen Ende des gleichnamigen Sees zu gelangen.
Die Strecke ist traumhaft am Seeufer gelegen und uns begegnen jetzt auch wieder
etwas mehr Menschen, v.a. Hirten und Bauern. Oft halten wir an um die tolle
Aussicht auf diesen gigantischen See zu genießen.
Der Van - See wird von den
Einheimischen wegen seiner Größe auch als „Deniz“ (Meer) bezeichnet,
schließlich ist er ca. 7mal so groß wie der Bodensee! Zu fast allen Seiten ist
dieser leuchtende, türkis schimmernde Höhensee auf 1720 MüM von gewaltigen
schneebedeckten Bergketten umgeben. Bei guter Sicht kann man sogar den ca. 150km
entfernten Ararat erkennen!
Dieser riesige See ist mangels
Abflussmöglichkeit
im Laufe der Jahrtausende versalzt und heute stark natriumkarbonathaltig. Doch
selbst dieser Umstand wird von der Landbevölkerung noch genutzt - das Wasser
ist nämlich durch seine leicht seifige Konsistenz hervorragend zum Wäschewaschen
geeignet!
Die Stadt Van, am östlichen Ufer des
Sees, bietet eine starke orientalische Atmosphäre und einen schönen altertümlichen
Basar.
Von hier machen wir viele Ausflüge
in die Umgebung und genießen dieses
kaum beschreibbare Licht und die
ungeheuer klare Luft.
Hier haben wir auch ungewollt
Gelegenheit Einblick in ein türkisches Krankenhaus zu bekommen, da ich vor
einigen Tagen, unterwegs ein Stückchen Teer ins Auge bekommen habe. Also suchen
wir an einem Sonntagnachmittag! die Ambulanz des örtlichen Krankenhauses auf.
Dort herrscht dichtes Gedränge von Familien die ihre kranken oder verletzten
Angehörigen - z.T. über weite Strecken - hierher transportiert haben und jetzt
auf Behandlung warten.
Als wir ankommen werde ich von den
Anwesenden sofort nach vorne durchgereicht und die Krankenschwestern weisen mir,
wohl wegen meiner dilettantischen Erklärungsversuche
auf türkisch – kichernd - eine Behandlungskammer zu, aus der erst noch ein
weinendes Kind samt Familie wieder rausgeschmissen wird. Jetzt komme ich mir
doch etwas blöd vor.
Keine Minute später kommt schon
der Arzt, begutachtet mein Auge und bedeutet mir zu warten. Wiederum vergehen
keine drei Minuten und es erscheint eine Augenärztin, die mir mit Unterstützung
des anderen Arztes der mir ,mangels Vorrichtung um den Kopf zu fixieren,
selbigen festhält, das Teerstück mittels einer Kanüle, nahezu schmerzlos aus
dem Auge holt.
Während der Prozedur bin ich
von Dutzenden Menschen umringt und jedes Vorgehen der Ärzte wird ausführlich
sachkundig kommentiert.
Anschließend bekomme ich ein
Rezept ausgestellt und werde mit den besten Wünschen und ohne Geld für die
Behandlung oder das Rezept annehmen zu wollen wieder meines Weges geschickt!
Keine 2 Tage vergehen und ich bin wieder vollständig genesen.
Nach einigen Tagen verlassen wir die
Stadt in nordöstlicher Richtung und sind noch keine 10km gefahren als wir von
einem Polizeiwagen rasant überholt und zum anhalten gedrängt werden. Der
aussteigende Polizist macht auf uns den denkbar schlechtesten Eindruck: groß,
muskulös, wichtige Miene und die obligatorische riesige, schwarze Sonnenbrille
auf der Nase. Wir bereiten uns mental schon mal auf
das große Palaver vor und sind wild entschlossen uns nicht allzu stark über
den Tisch ziehen zu lassen. Schließlich erwarten wir, für irgendeine soeben
erfundene Gesetzesübertretung eine Geldstrafe aufgebrummt zu bekommen!
Doch was dann kommt haben wir nun
wirklich nicht erwartet. Nach freundlicher Begrüßung und einigen Fragen zum
Moped erzählt er uns nämlich strahlend, dass er selbst viele Jahre
Motorradpolizist in Antalya gewesen sei.
Dies führt natürlich unvermeidlich
zu einer Teeeinladung und er bedeutet uns ihm und seinem Kollegen zu folgen.
Mit meist mehr als 120km/h
donnern wir dann wohl gute 10km hinter dem Polizeiwagen her bis wir endlich an
einer Tankstelle ankommen dessen Besitzer uns auf strenge Anweisung der beiden
Polizisten mit Tee versorgen muss.
So verbringen wir dann diese Teepause
mit gemischten Gefühlen im Kreis von einigen LKW - Fahrern, 10
Tankstellenangestellten und Freunden und natürlich der beiden - nun noch viel
cooleren - Polizisten.
Diese Situation ist recht typisch
v.a. für die ländliche Türkei: Polizisten werden seitens der Bevölkerung gefürchtet
und gemieden da i.d.R. korrupt und sehr streng.
Das Verhalten der Polizei
westlichen Touristen gegenüber ist dagegen sehr wohlwollend und freundlich. So ist es auf unserer Fahrt die Regel, das wir bei den häufigen Kontrollen
durch Polizei und Militär fast immer durchgewunken oder sogar auf einen Tee
eingeladen werden, während die Einheimischen sehr streng gefilzt und
- besonders durch die Polizei - auch herablassend behandelt werden.
Nachdem diese eher unangenehme
Teepause durchstanden ist können wir uns dann endlich auf den Weg machen und
finden mittags zwischen dem Van - See und dem nächsten Ziel Dogubeyazit, kurz
vor der iranischen Grenze, einen schönen Wasserfall an dem wir dann eine
Teepause nach unserem Geschmack zelebrieren.
Die Straße östlich des Van - See in nordöstlicher Richtung führt wieder mal
durch eine tolle Landschaft: wüstenartig, karg und steinig, nur durch
Farbschattierungen aufgelockert die in allen Nuancen zwischen Braun über Rot
bis hellbeige variieren. Begrenzt wird das Ganze lediglich durch den endlosen Horizont und zusätzlich
ausgeleuchtet durch dieses unglaublich schöne Höhenlicht.
Einfach grandios und in dieser
riesigen Weite und Leere in Europa so nicht zu finden!
Am frühen Abend erreichen wir dann
Dogubeyazit, das letzte nennenswerte Städtchen vor dem einzigen Grenzübertritt
für Europäer in den Iran. Hier sind wir gerade mal 30km von der
iranischen Grenze entfernt, aber längst ist klar, dass wir - mangels Zeit - den
„Abstecher“ Iran nicht machen können, wenn wir unsere gemächliche Art des
Reisens beibehalten wollen.
Dogubeyazit wirkt dreckig und
runtergekommen, bietet aber zwei Attraktionen: zum einen ist es wichtige
Basisstation für Bergsteiger die den nahen Ararat besteigen wollen und zweitens
thront östlich der Stadt die Bilderbuch - Palastruine „Ishak - Pasa Sarayi“
auf einer Anhöhe.
Diese Palastruine findet sich
auf unzähligen Tourismusprospekten über die Türkei wieder und zwar zu recht.
Sie ist traumhaft schön!
Oberhalb des Palastes liegt ein
einfacher Kiosk, von dessen Terrasse wir, zusammen mit dem Besitzer, einem
bergsteigenden Polen und ungezählten Tees, einen wunderschönen
Postkartenblick über den Palast und die davor liegende Stadt in der Abenddämmerung
genießen.
Dieser östlichste Ort unserer Reise
ist für uns der Wendepunkt, geht es doch ab jetzt nur noch westwärts und,
dadurch gleichsam, Richtung Heimat.
Weiter geht es dann ins 150km
entfernte, nordwestlich gelegene Kars, wo wir in einem etwas besseren Hotel mal
wieder auf einen einheimischen Africa Twin - Fahrer treffen. Er ist der
Hotelinhaber und reduziert den Zimmerpreis so weit das wir uns das Hotel auch
leisten können und holt seine AT her um sie gebührend bewundern zu lassen.
Doch Kars bietet ansonsten nicht sehr
viel Sehenswertes, sodass wir am nächsten Tag bereits weiter in Richtung Norden
fahren. Wir befinden uns hier im Drei - Ländergebiet
zwischen Georgien, Armenien und der Türkei, unschwer daran zu erkennen, daß
alle paar Kilometer eine Militärkontrolle stattfindet.
Nach wie vor ist das Land so gut wie
menschenleer und so haben wir uns längst daran gewöhnt das wir von Heerscharen
von Kindern und Teenagern belagert werden sobald wir die seltene Möglichkeit
nutzen die Hauptstraße zu verlassen und die kleinen Dorfstraßen, auf der Suche
nach einem Einheimischen-„Lokanta“-, abklappern. So eine Verabschiedung im Dorf nach
gehabter Mahlzeit kann da schon mal gut und gerne eine halbe Stunde in Anspruch
nehmen. Schließlich wird meist jemand losgeschickt der irgendeinen
Deutschsprechenden holt. Ist dieser dann eingetroffen gibt es ein großes
Palaver und das übliche Frage,- und Antwortspiel setzt ein. Ein erster Tee wird
ausgegeben und immer wieder nachgeschenkt, sodass inklusive Bilder machen, Händeschütteln
und manchmal auch Adressen einsammeln eine gehörige Zeitspanne verstreicht. Die
Freundlichkeit und Unvoreingenommenheit dieser einfachen Menschen ist für uns
oft genug überwältigend.
Aufpassen muss man dann nochmal
besonders beim Ortsausgang: meist versteckt sich dort irgendwo ein Köter der
einen partout nicht fahren lassen will und vehement des Motorradfahrers
Hosenbeine attackiert. Artvin heißt unser nächster
Aufenthaltsort und ist ein schnuckeliges kleines Städtchen inmitten der
mittlerweile wieder bewaldeten Hügellandschaft
ganz im Nordosten.
Spektakulär an einen überaus steilen Hang geklatscht, haben wir von hier einen
schönen Blick über die Hügel.
Etwas später überqueren wir dann
die letzten Hügel die uns noch vom Schwarzen Meer (Kara Deniz) trennen und sind
jetzt in einer völlig anderen Landschaft und
Klimazone.
Regenreich und schwül mit
milden Wintern und gemäßigten Sommern herrscht hier das richtige Klima für
den Teeanbau.

Mit Teebüschen ist hier folglich
jeder freie Quadratmeter bepflanzt und wird zwischen Mai und Oktober alle paar
Tage abgeerntet. Doch von den Bergen haben wir noch immer nicht genug und so
kehren wir dem Meer den Rücken und folgen einer gut 40km langen Sackgasse zu
einer riesigen Alm mit der Ortschaft Ayder. Überhaupt ist die östliche
Schwarzmeerküste durch besonders starke Landschaftsunterschiede geprägt.
Eben noch am Meer auf 0 MüM schwülwarme Tropenluft geatmet, können wir schon
20min. später auf einer Alm in 1300 MüM frische Bergluft genießen!
10km Luftlinie entfernt sehen wir dann schon die Gipfel des Kackar - Massivs bis
knapp 4000 MüM anwachsen.
Die „Alm“ hat ihren Namen übrigens
wirklich verdient, schließlich sind die Berghänge hier von Fichten und Kiefern
- wie in Österreich - überzogen und wir haben nach dem morgendlichen
Augenaufschlagen erstmal Mühe das „Offensichtliche“ (Heidiszenerie) mit der
„Realität“ (Osttürkei) in Einklang zu
bringen!

Ein besonders schönes Erlebnis ist für
uns der spontane Besuch einer kleinen Teefabrik nahe Rize, der nächsten größeren
Stadt in dieser Gegend. Als wir anfragen ob wir uns hier mal die Arbeitsvorgänge
anschauen dürften und vielleicht sogar eine Führung möglich wäre, bekommen
wir den Besitzer vorgestellt. Er ist Rentner und hat bis zur Berentung im
Ruhrpott beim Straßenbau geschafft, so ist die Verständigung natürlich
simpel!
Nach vielen, vielen Tee's und dem nun
schon gewohnten Frage und Antwortspiel präsentiert er uns dann seine kleine
aber feine Fabrik und erläutert uns die verschiedenen Arbeitsschritte. Anschließend bedanken wir uns und wollen schon aufbrechen, doch da hatte er
schon einen seiner Söhne hergeordert. Dieser erschien, wir wurden ins Auto
verfrachtet und nach Rize in ein ziemlich schickes Restaurant zum Essen
eingeladen, dessen Zeche dann der Sohn zu bezahlen hatte. Erst nach einem opulenten Mahl dürfen
wir dann wieder unserer Wege gehen. Diese selbstlose, jetzt schon so oft
genossene Gastfreundlichkeit ist immer wieder beeindruckend! Immer der wunderschön geführten Küstenstraße
Richtung Westen folgend, geht es dann über einige hundert Kilometer bis nach
Sinop.
Sinop liegt landschaftlich
besonders schön an einem halbinselartigen Vorsprung der Schwarzmeerküste
der an seiner schmalsten Stelle gerade mal 500 Meter misst. Zugleich ist es eine wunderschöne, kleine Hafenstadt deren Bewohner meist
entweder vom Fischfang oder vom bescheidenen Tourismus leben. Da unser Hotel
direkt im Hafen liegt und dieser über einen großen Teepark verfügt, genießen
wir hier einige Tage des Ausspannens und - natürlich - Teetrinkens. Bei einem vielgelobten Ausflug zu
einigen Wasserfällen müssen wir die Anreise leider vorzeitig abbrechen, da wir
erfahren müssen zu welch inniger Verbindung nasser Lehm und tiefsitzende
Endurokotflügel imstande sind. Einen
echten und unzählige Beinahestürze später finden wir einen Bach an dem wir
den Kotflügel mit den Fingern von diesem zähen Lehm befreien und das Vorderrad
wieder vom Rollen überzeugen können.
Bereits auf dem Rückweg, beschließen
wir, doch noch diese Wasserfälle sehen zu wollen. Ein Taxi ist schnell gefunden
und ein akzeptabler Preis ausgehandelt. Als wir nach abenteuerlicher Rutsch- und
Schleuderpartie dort ankommen öffnen wir die Autotür und der Himmel alle
Schleusen. Nachdem ich mich alleine (Tanja wollte nicht so recht bei diesem
Wetter) eine halbe Stunde im heftigen Regen durch Morast gekämpft habe, erkenne
auch ich endlich, das das heute wohl nichts werden soll.
Doch auch einem solchen Tag können
wir noch etwas positives abgewinnen; und zwar die Erfahrung das Enduros einen
hohen Kotflügel haben sollten!

Auf unserem weiteren Weg in Richtung
Westen gönnen wir uns zum ersten Mal, ein orientalisches Luxushotel, in der - für
ihren ungewöhnlichen Baustil unter Architekturstudenten berühmten - Stadt
Safranbolu. Während eines Abendspazierganges entdecken wir dann die schönen,
fachwerkähnlichen Häuser – "Konak" genannt - aus denen fast die
gesamte Altstadt zu bestehen scheint.
Über den Bosporus gelangen wir tags
drauf wieder auf den europäischen Teil der Türkei. Unsere letzte Station ist ein
Wiedersehen mit unserer allerersten Station in der Türkei, der wunderschönen
Stadt Edirne. Hatten wir am Beginn der Reise
zunächst das große Ziel Istanbul mit all ihrer Symbolhaftigkeit vor Augen,
und Edirne nur als Übernachtungsmöglichkeit wahrgenommen, war uns doch damals
schon aufgefallen welch angenehme Atmosphäre hier zu verspüren war.
Wir verleben hier noch ein paar
wunderschöne Tage, in denen jeder für sich versucht noch eine möglichst große
Menge an orientalischer Lebensart aufzuschnappen und für die Heimat zu
konservieren. Hier kommen wir auch erstmals (auf
mittlerweile über 9000km) richtig zum schrauben: das Kettenkit muss gewechselt
werden! Die letzten Tage sind gekennzeichnet
von Bummeln, Essen gehen, in Teegärten sitzend stundenlang Bücher lesen und:
Motorradabstinenz! Schließlich wissen wir ja nun schon
was auf uns wartet: eine tagelange endlos erscheinende, mindestens 2600km lange
Heimfahrt durch z.T. wenig angenehme Transitländer. So lässt sich ein herber
Abschiedsblues natürlich nicht vermeiden.

Fazit
Während die West- und
Südtürkei (v.a. die Küstenregionen) zwar sehr schön sind, ist ähnliche
Landschaft und Klima (zwar ohne „oriental style“) aber auch in Südeuropa zu
finden.
Wirklich absolut beeindruckend - und
so nicht in Europa zu finden - ist der gesamte Raum der Osttürkei! Das beginnt
schon in Zentralanatolien und zieht sich über mehr als 1500km in östlicher
Richtung hin. Je weiter man gen Osten vordringt,
umso fremder und abenteuerlicher werden die zu gewinnenden Eindrücke und
Begegnungen mit Land und Leuten. Und auch die Gastfreundlichkeit scheint sich
geradezu umgekehrt proportional zu den finanziellen Möglichkeiten der Gastgeber
zu verhalten. Dieses sehr spezielle, kaum
beschreibbare Licht, die tolle Höhenluft und die unzähligen, spannenden
Begegnungen mit diesen ungeheuer gastfreundlichen Menschen sind es vor allem,
die uns veranlassen zu sagen:
„Wir kommen
wieder“!

Reiseinformationen
Statistik
Reisedauer:
20.04.2002 – 16.06.2002 = 8 Wochen und 1 Tag
Route: D
- AU - HR - RO - BG - TR - BG - RO - HR - AU - D
Fahrleistung:
ca. 12.500km insgesamt, davon ca. 7.300km in der Türkei.
Gesamtkosten:
ca.
6.500,- € für zwei Personen inkl. aller anfallenden Kosten.
Reisevorbereitung
Stets aktuelle Einreise,- und
Sicherheitsinformationen gibt es beim Auswärtigen Amt klick.
Dort ist auch eine Sicherheitseinschätzung
über die kurdische Region einsehbar.
Anreise
Auf dem Landweg empfiehlt sich
eigentlich nur die Route über Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, da
die Anreise über die jugoslawischen Staaten im Moment zu umständlich und teuer
ist. Da die Strecke v.a. in Rumänien
und Bulgarien streckenweise schlecht ist, sollte man kein zu hohes Tagespensum
planen. Dortmund - türkische Grenze 2600km! Schneller geht es mit der Fähre:
z.B. ab Venedig bis Cesme (ca. 2 Tage).
Informationen zum Fährangebot: Marmaralines
Papiere
Reisepaß (mind. 3 Mo. gültig), grüne
Versicherungskarte, Fahrzeugschein und Führerschein. Der Transitverkehr durch
Rumänien und Bulgarien ist mittlerweile visumfrei.
Geld
Offizielle Landeswährung ist die türkische
Lira. Manche Preise sind allerdings in Dollar ausgeschildert und auch manches
Hotel macht bei Aussicht auf harte Dollars schon mal einen besseren Preis.
Deshalb sollte man immer ein paar Dollars in kleiner Stückelung dabei haben.
Wegen der galoppierenden
Inflation der türkischen Lira immer nur wenig Geld eintauschen.
EC-Geldautomaten gibt es
landesweit. Für die Direktbezahlung empfehlen sich Visa,- und ggf. Eurocard -
Kreditkarten.
Benzin
Tankstellen gibt es reichlich. Selbst
in der einsamsten Gegend reicht eine Tankreichweite von 150km immer. Bleifrei
gibt’s fast immer, nur im Osten muss man evtl. etwas länger suchen.
Reisezeit
Wir sind von Mitte April - Mitte Juni
unterwegs gewesen und das war klimatisch
ein sehr guter Kompromiss.
Angefangen mit der West,- und Südküste an der es noch nicht zu heiß war, dann
ins kurdische Hochland das schon warm genug war und anschließend an die
Schwarzmeerküste die noch nicht zu feucht war.
Sicherheit
In den Großstädten ist es sinnvoll
auf die solide Sicherung des Motorrades zu
achten. In der Provinz ist
Diebstahl sozial - religiös geächtet und daher nahezu unbekannt.
Unterkunft
Campen ist in touristisch
erschlossenen Gebieten immer möglich. Wildes Campen wird eigentlich immer
geduldet wenn kein offizieller Campingplatz vorhanden ist.
Einfache Hotels finden sich
eigentlich in jedem nennenswerten Örtchen, wenn auch der Standard recht niedrig
sein kann.
Jedoch sind in Touristengebieten
Hotelzimmer jeder Kategorie zu bekommen.
Pensionen sind verhältnismäßig
selten. Auf den kleineren Dörfern kommt es häufig vor, das man nach einigen
Tee's von irgend jemandem zum Essen und / oder Übernachten eingeladen wird.
Dies ist eine tolle Gelegenheit türkisches Familienleben aus erster Hand zu
erleben. Hüten sollte man sich davor sich in Form von Geld erkenntlich zeigen
zu wollen, dies würde als beschämend empfunden werden! Besser ist es z.B. eine
Flasche Raki für den Mann und / oder etwas Kosmetik für die Frau dabei zu
haben.
Motorrad
fahren
Das Straßennetz ist ausgesprochen
gut gepflegt, die Hauptstraßen sind allesamt asphaltiert. Auch die
Beschilderung ist immer ausreichend. Nebenstrecken können schon mal
geschotterte oder geschobene Pisten sein. Bei gemäßigten Ausflügen ins Gelände
ist die Bevölkerung sehr tolerant, aufpassen muss man dann schon eher auf die
vielen Hütehunde in der Provinz, v.a. in Anatolien und Kurdistan. Auch bei
Dorfdurchfahrten mit erhöhter Konzentration auf herumstreunende Hunde achten,
diese sind ganz scharf auf Motorradfahrer!
Gesundheit
Es sind keine speziellen Impfungen
notwendig. Die Reiseapotheke sollte etwas gegen Durchfall, Verstopfung, Zahn,-
und Kopfschmerzen als auch ein gutes Sonnenschutzmittel beinhalten.
Ein Erste - Hilfe - Set sollte
selbstverständlich immer dabei sein.
Karten /
Literatur
Türkei Handbuch; Reise Know - How;
7. Auflage 2002
Turkey; Lonely Planet; neueste
Auflage
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