Marokko 2010 - eine afrikanische Erkundung 

  

Trotz unserer ausgeprägten Reiselust hatten wir bislang doch immer einen großen Bogen um alles "afrikanische" gemacht, haben wir doch die Erfahrung gemacht das allzu fremdartige Lebensweisen und Kulturen den zwischenmenschlichen Austausch oft sehr erschwert. Und genau daran ist uns schließlich gelegen, ansonsten könnten wir auch als Pauschaltouristen durchs Land fahren und alles fremdartige im Zoobesuchermodus betrachten. Interessiert, fasziniert, aber vor allem doch innerlich abgeschottet. Das ist nicht unser Ding und so blendeten wir Afrika eben über Jahre von unserem Tourplan aus. Tja, und dann gab es da plötzlich dieses günstige Angebot in Tunesien eine Woche Sandfahren zu trainieren...

     

     

Danach war alles anders und wir wollten unbedingt mehr von Afrika sehen! So kam es, das wir uns Anfang Oktober in Genua die Beine in den Bauch standen und darauf warteten endlich an Bord der Fähre gelassen zu werden. Zweieinhalb Tage später erreichten wir Tanger. Startgeld war ruckzuck am Geldautomaten besorgt, die Sonne schien und so rollten wir erwartungsvoll Richtung Norden. Der Plan war die ersten Tage an der Mittelmeerküste zu planschen und ganz geruhsam erstmal in aller Ruhe anzukommen und erste Fühlung aufzunehmen. Doch daraus sollte nichts werden, denn an der Küste schüttete es wie aus Eimern und dazu pfiff ein eiskalter Wind. Also ging es gleich weiter Richtung Chefchaouen, einer idyllisch im Rif Gebirge gelegenen Stadt. Zuvor musste jedoch eine etwa 100km lange Schlamm,- und Matschpassage im kalten Regen bewältigt werden. Die kurvige und wahrscheinlich auch hübsche Küstenstrasse wird ausgebaut und zwar überall und gleichzeitig! Tanja war da schon reichlich bedient und fragte - nur halb im Spaß gemeint - wo denn der nächste Flughafen läge....?

Doch Chefchaouen entschädigte uns voll und ganz für den verregneten Empfang. Die einmalige, blau-weiße Medina (Altstadt) mit ihren Korkenzieherartigen Gässchen und die lehmfarbene Kasbah (burgartige Wohnkomplexe) auf dem Hauptplatz sind echte Hingucker und auch die Einheimischen sind hier sehr entspannt. So blieben wir denn gleich mehrere Tage, bevor wir das schwer verrufene Rif Gebirge Richtung Süden durchquerten.

        

        

Ketama, die Provinzhauptstadt hat einen denkbar schlechten Ruf und die Begleitumstände sind ja auch nicht sehr vertrauenerweckend: Im Rif wird sage und schreibe 42% der Weltproduktion Marihuana angebaut und zum allergrößten Teil illegal außer Landes geschafft. Um diese enorme Wirtschaftskraft nicht zu gefährden und auch weiterhin auf die üppigen Devisen zählen zu können, hat der König diese Region - inoffiziell natürlich - zu einer Polizei,- und somit wohl auch weitgehend rechtsfreien Zone erklärt. Ein bisschen mulmig war uns da schon, doch wurden wir auch im dichtesten Gedränge nicht behelligt und mit den permanenten Kaufofferten kamen wir gut klar.

Nun ging es strikt Richtung Süden. Entlang wunderschöner Palmengärten änderte sich nach und nach die Landschaft. Bäume und Grün blieben zurück, weite trockene Ebenen breiteten sich vor uns aus. In einer zwar für Touristen nachgebauten, aber doch sehr hübschen Kasbah in Midelt machten wir schließlich Halt und genossen das opulente Ambiente ebenso wie die imposanten, wie für einen Krieg gerüsteten Rallyetrupps die die Dünen von Merzouga ansteuern und üblicherweise hier vorbeikommen.

     

Bei einem Offroadausflug in die Berge handelten wir uns einen fiesen, kleinen Nagel im Hinterreifen ein. Jedoch konnte ich gar nicht so schnell selbst Hand anlegen wie mir ein Trupp GS Fahrer aus Zypern einen Stopfen in die Lauffläche zogen. Vielen Dank nochmal, Jungs!

  

Dünen gucken und ein paar unbeholfene Fahrversuche mit der dicken BMW (ist eben doch 'ne andere Nummer als mit der wendigen DRZ...) in Merzouga sind spaßig und lassen uns mal wieder länger als geplant verweilen. Vor allem auch weil unser Herbergsvater Rachid so viele Interessantes zu erzählen weiß. Von ihm erfahren wir zum Beispiel das erst letzte Woche Jutta Kleinschmidt mit ihrem Rallyetross hier zum trainieren verweilte, aber auch warum manche Berber sich weigern marokkanisch-arabisch zu sprechen. Er berichtet von zunehmend großen Unruhen unter den Bildungsbürgern und den Studenten des Landes. In diesem Konflikt geht es um berberische Rückbesinnung und ein wachsendes Selbstbewusstsein der über Jahrzehnte unterdrückten Ureinwohner. Immerhin stellen die Berberstämme über 60% der Einwohner Marokkos. Die Thematik erinnert uns ein wenig an die Situation der Kurden in der Türkei und wir ziehen uns schleunigst ein paar Vokabeln berberisch auf die interne Festplatte.

  

Danach erstmal ein bisschen ganz lockeres Touriprogramm, wie es der Reiseführer empfiehlt: Todraschlucht, Dadesschlucht, Tal der Rosen und so weiter. Gewürzt allerdings durch einen äußerst genussvollen Ausflug nach Ilmichil mit seinen zwei Seen ganz am Ende der wild kurvigen Todraschlucht. Zwischendurch bringen wir es immerhin bis auf 2.760 Höhenmeter!

     

Erneut runter in die Wüste und bis ganz nah ran an die algerische - leider immer noch gesperrte - Grenze kommen wir in M'Hamid, hundert Kilometer südlich von Zagora. Quarzazate, Ait-Ben Haddou und eine hübsche Schotterpiste über Telouet zum Pass Tizi-n-Tichka heißen die nächsten Stationen, bevor wir das kitschig schöne Ourikatal erreichen. Das am Ende der Bergstrasse liegende Oukaimeden ist "das" Ski,- und Erholungsgebiet für gestresste Marrakechis. Nur etwa einhundert Kilometer entfernt und sehr idyllisch mit seinen steilen Hängen, den schmalen, gewundenen Bergsträßchen und den schicken Chalets im Schweizer Stil.

Quer rüber zum Tizi-n-Test und dann schnurstracks ab in die Western Sahara! So der Plan - doch es sollte mal wieder anders kommen: Unruhen aufgrund eines aktuellen Entführungsfalles im Grenzgebiet zu Algerien sorgen für militärisch verordnete Benzinknappheit und heftige Sandstürme tun ihr Übriges dazu, das wir uns nicht recht wohl fühlen und bereits in Tan-Tan Plage wieder umkehren. Zu unsicher die Benzinversorgung (schon auf dem Weg hierher konnten wir uns nur noch bei mauretanischen Schmugglern mit Sprit aus aus Plasikflaschen eindecken) und zu ungemütlich auch der heftige Seitenwind und die Sandstürme die die Sicht nehmen und für gruselige Momente sorgen.

     

Zwei Tage später und einige hundert Kilometer weiter nördlich sind wir uns einig: Tafraoute, im Tal der Ammeln gelegen, ist wohl der netteste Ort den wir bisher in Marokko gefunden haben! Inmitten abenteuerlich verkanteter und überall herumliegender Felsbrocken und eingebettet in eine grüne Palmerie verwöhnt uns dieses beschauliche Örtchen mit tollen Ausflugsmöglichkeiten, einigen guten Restaurants und tollen Bäckereien. Wir lassen es uns gut gehen und - man ahnt es schon - wir bleiben auch hier wieder länger als gedacht.

Über Agadir und das Paradies Tal erreichen wir in einer Marathonfahrt spät in der Nacht Essaouira. Einen schneeweißen Ort an der Atlantikküste mit quirligem Hafen und sehr sehenswerter Medina. Völlig zu Recht ist Essaouira in den allermeisten Marokkoprospekten abgelichtet. Die Kameras haben hier gut zu tun!

     

Doch dann heißt es endlich: Auf nach Marrakech! Was haben wir uns darauf gefreut - schon nach drei Tagen sind wir restlos bedient....´Wir kommen mit der extremen Raffgier einfach nicht klar und sind schwer genervt von dem permanenten, aggressiven Gebettel. Einerseits ist es zwar schon faszinierend auf welche Geschäftsideen manche Leute verfallen, andererseits fühlten wir uns wie Freiwild dem mit allen Mitteln das Geld aus den Taschen zu ziehen sei. Das fängt schon zehn Kilometer vor der Altstadt mit seinem zentralen Djemaa el Fna an: Plötzlich umkreisen uns zwei Mofafahrer und überbieten sich lautstark darin wer den schnellsten, besten und elegantesten Weg in die Altstadt kennt. Natürlich sollen wir folgen und am Ende zahlen. Schließlich auch ohne Tourguide problemlos am Platz angekommen, ist es nahezu unmöglich sein Moped einfach mal so auf den Ständer zu kippen ohne augenblicklich belagert zu werden. Sofort sind Warnwesten-berockte Burschen zur Stelle, die sich mit dem Finger auf die Brust tippen und mit den Worten: "Me Guardian. No problem!" bekräftigen, das sie hier eine Dienstleistung erbringen, an die du selbst nicht mal gedacht hast und die natürlich ebenfalls ordentlich zu bezahlen sei. Meistens weigern wir uns, doch das zieht dann immer sehr nervige Streitgespräche nach sich, die absolut keine Freude bereiten. Nicht nur deshalb aber doch hauptsächlich: Tschüss Marrakech, du nervst!

     

El Jadida, eine hübsche portugiesische Festungsanlage am Atlantik besuchen wir noch, bevor wir uns endgültig vom Atlantik verabschieden. Ein paar wundervolle Tage widmen wir den menschenleeren, gewundenen Sträßchen des mittleren Atlas zwischen Marrakech und Fes. Motorradspaß pur bei zunehmend kühleren Temperaturen. Denn die Reise neigt sich so langsam dem Ende zu, Mitte November ist bereits überschritten. Und im Internet ist nichts Gutes für unsere Rückfahrt über die Alpen zu ahnen.

     

In der Königsstadt Fes schlendern wir denn auch nicht völlig unbeschwert durch die älteste, original erhaltene Altstadt des Orients. Und natürlich verlaufen auch wir uns im 900-Gassen-Gewusel der riesigen Medina. Aller Sattelitentechnik zum Trotz ist es bislang nicht gelungen, wirklich alle Gassen der Medina durchzuzählen und konkret zu benennen. Ein Umstand auf den die Fassi (Einwohner von Fes) nicht wenig stolz sind. An den Pforten des Königspalastes entstehen rasch noch ein paar Fotos, bevor wir bei einer Pizza (ja auch so etwas gibt es hier, es muss ja nicht immer Tajine sein) beschließen, die Reise vorsichtshalber um drei Tage abzukürzen um so möglicherweise dem heimatlichen Wintereinbruch zuvor zu kommen.

         

In einem Rutsch fahren wir also zurück nach Tanger um festzustellen, das "unser" Fährhafen zwischenzeitlich fünfzig Kilometer nordwärts verlegt wurde! So was ist uns auch noch nicht untergekommen... Eine Stunde später im funkel-niegelnagelneuen Fährhafen angekommen, tauschen wir unsere Rückreisetickets und sind ruckzuck an Bord. Und auch drei Tage später lässt uns Genua noch guter Hoffnung sein. Blauer Himmel und 18°C. Also los! Doch im Tagesverlauf fällt die Temperatur unerbittlich immer weiter in den Keller. Nur wenige Stunden später überqueren wir bei klirrend kalten -12°C zähneklappernd den San Bernardino und erreichen gut gekühlt sogar noch den Bodensee. Doch als uns dort dann auch noch zusätzlich gefährliche Nässe bei 3°C erwartet, machen wir erstmal Schluss für heute. Am Abend  erfahren wir von der Sperrung der A7 und bundesweitem Schneechaos. Die letzten 700 Kilometer lassen wir uns im Auto chauffieren, während unsere BMW auf dem Hänger sturzsicher abgespannt steht. Gut, wenn die Eltern so verständnisvoll sind ;-)).

 

Zusammenfassung

Marokko hat uns sehr gut gefallen. Am Nachhaltigsten sind wir sicherlich von der beeindruckenden Landschaft fasziniert. Es gibt sicher nicht viele Orte auf der Welt die auf relativ kleiner Fläche so viele unterschiedliche Geländeformationen bieten. Kurven satt in den vier ziemlich unterschiedlichen Gebirgen die das Land in Ost-West Richtung durchschneiden, riesige Ebenen in der Steinwüste im Osten und Süden, Dünenlandschaften nahe der algerischen Grenze oder die wunderschönen, geschichtsträchtigen Orte an der Atlantikküste. Und auch die Infrastruktur ist gut. Ein Umstand der einfaches, sorgloses Reisen erst ermöglicht.

Von der Bevölkerung haben wir ein differenzierteres Bild mitgenommen: Während die Menschen in kleinen Orten, fernab der touristischen Routen gastfreundlich, hilfsbereit und unkompliziert sind, sind die Geschäftemacher - vor allem an touristischen Hotspots - ausgesprochen nervig.

 

Sehens,- und Fahrenswerte Highlights:

Chefchaouen - Ketama - Taounate (N2 und R509): Locker kurvig, durch dichten Zedernwald. Verkehrsaufkommen gleich Null.

Midelt - Rich (N13): Steinwüste, weites Land, schnelle langgezogene Kurven, sehr guter Asphalt.

Rich - Er-Rachidia mit "Gorge du Ziz" (N13): Wunderschöne Palmerien, türkis schimmernder Stausee, kaum Verkehr, viele fantastische Panoramen entlang der Strecke.

Erfoud - Tinejdad (R702): abwechselnd Palmerien und Geröllwüsten, kaum Verkehr, weiter Blick über die Hochebene, hübsche Brunnen und nomadische Zeltlager.

Todraschlucht (R703): Bis Tamtatouchte eng und sehr kurvig, dann Pass mit 2.760 Höhenmetern. Ab dem Pass bis Ilmichil großartige Hochebene durch locker verstreut liegende Berberdörfer. In Ilmichil idyllische Seen.

Dadesschlucht (R704): Spektakulärer Serpentinenaufstieg im Mittelteil.

Quarzazate - M'Hamid "Draatal" (N9): Extrem schöne Palmerien, Kurven ohne Ende (vor allem bis Agzd). Über die gesamte Strecke sehr griffiger Asphalt.

Ait-Ben Haddou - Telouet: Gut geschotterte Piste, sehr schöne Schlucht, bunte Felsen.

Tizi-n-Tichka: Viele, schnelle Kurven aber auch viel Verkehr und gelegentlich rutschige Fahrbahn.

Ourika-Tal mit Skigebiet Oukaimeden: Sehr kurvig geht es auf 2.650 Höhenmeter, enge Fahrbahn, 2 - 3 Gang Terrain, sehr hübsche Berglandschaft im Herzen des hohen Atlas.

Tiznit - Col du Kerdous: Neue Strasse mit sehr gutem Asphalt, perfekte Bögen, ein einziger Kurvengenus!

Tafraoute - Tal der Ammeln - Ait Baha: Traumtour über 115 Kilometer, in Bäumen kletternde Ziegen, guter Grip, null Verkehr, hübsch gelegene Berberdörfer.

Bin-el-Quidane - Cascades de'Ouzoud: Perfekte Kurvenorgie im mittleren Atlas, spärlich bewohnt daher kaum Verkehr, breite gut ausgebaute Strassen. Der gigantische Wasserfall (Cascades de'Ouzoud) ist äußerst beeindruckend!

Khenifra - Azrou (östlich durch die Zedernwälder des mittleren Atlas): Sehr idyllisches, leicht bewaldetes Hochplateau bis etwa 40km, danach enger mit sehr schlechtem Asphalt, viele Nomadensiedlungen (teilweise aggressiv bettelnde Kinder). Gesamt etwa 100km, viele alternative Wege rundum.

Azrou - Mischliffen - Ifrane: Sehr gut ausgebautes Skigebiet auf etwa 2.000 Höhenmetern. Wunderschöne Zedernwälder, Berberaffen. Ifrane ist ein der Schweiz nachgeahmtes Edelrefugium für reiche einheimische Touristen. Teuer, ordentlich, sauber und seelenlos. Option: Circe du'Lac; ein touristischer Rundweg zu mehreren hübschen Seen.

 

Schnappschüsse: