Alpen total!
- Eine Geschichte von Slowenien, dem Schotter, Südtirol und den Kehren!
Ganz
genau überlegt hatten wir
uns den Starttermin. Mitte bis Ende Juni heißt: noch vor dem Touristenstrom,
aber schon nach Öffnung der Passstrecken. In Slowenien in den Ostalpen
startend, wollen wir uns sukzessive nach Westen durchschlagen um dann kurz vor
der Schweiz unsere Alpenrundfahrt ausklingen zu lassen.
Nach einer Zwischenübernachtung in der wunderschönen fränkischen Schweiz, verlassen wir bei Passau Deutschland und durchqueren Österreich. Über den wenig spektakulären Wurzenpass erreichen wir schließlich Slowenien und suchen uns am kristallklaren Flüsschen Sóca, im Triglav Nationalpark, eine Herberge. Es tut gut, nach 2 Tagen Kilometerfresserei die Füße im Wasser baumeln zu lassen! Auch wenn es eiskalt ist, das Wasser der Sóca....
Der nächste Tag steht ganz im Zeichen des genussvollen Motorradwanderns. Die Inlets werden aus den Klamotten gezippt und befreit vom Gepäck erforschen wir bei bestem Wetter den Verlauf der Sóca. In dem Städtchen Kobarid entdecken wir ein italienisch anmutendes Straßencafe mit Sitzgelegenheit mittenmang im kleinstädtischen Verkehr und lassen uns dort den einen oder anderen Cappuccino schmecken und unsere Augen an der Sommermode der slowenischen Frauenwelt erfreuen. Weiter geht es über Tolmin nach Bohinjska Bistrica, dem Taleinschnitt folgend nach Jesenice, bevor wir über Kranjska Gora und den Vrsic-Sattel wieder unsere Herberge erreichen.
Doch auch die umliegenden
Pässe wollen befahren sein und so planen wir noch abends bei Lasko Pivo, dem
einheimischen Bier, eine Rundstrecke von
rund 200 km. Dabei sind der Loibl,- Wurzen, Predil,- und
natürlich der Vrsicpass. Am anspruchvollsten - durch die enge Trassierung und den ständig wechselnden
Straßenbelag - ist sicherlich der
Vrsic, am perfektesten zu fahren, mit seinen schön geschwungenen Bögen, ist
jedoch der Predil. Den Pass des Loibl bemerkt man kaum und der Wurzen
beeindruckt eigentlich nur durch seine steilen 18%-Streckenabschnitte. Die
geschotterte Bergstrecke zum Mangart wären wir auch gerne gefahren, jedoch hatte es in
der Nacht zuvor heftig geregnet, so dass wir mit unseren schweren Reiseenduros
und den straßenorientierten Reifen dort wohl nicht gut voran gekommen wären.
Aber gereizt hat es uns schon, zweigt die Einfahrt doch direkt vom Predilpass ab...
Über den Predil verlassen
wir dann nach 4 Tagen Slowenien und erreichen Italien. Via Tarvisio und den Nassfeldpass
gelangen wir wieder in österreichische Gefilde. In Dobbiaco (oder Toblach,
beides ist hier in Südtirol möglich) finden wir eine angenehme Pension.
Der Ort ist gut gewählt, kann man doch von hier aus jede Menge Traumstrecken erreichen. Eine besinnliche Genusstour lässt sich beispielsweise nördlich durch das Antholzer Tal, das Defereggental und über Lienz und die Pustertaler Höhenstrasse bewerkstelligen. Achtung jedoch beim Staller Sattel im Defereggental! Dort ist nur für 15 min. - zu jeder vollen Stunde - die Westabfahrt geöffnet!
Besonders große Ohren bekommen wir, als unsere Wirtin auf unser gezieltes Nachfragen hin angibt: "Ja, gesperrt ist der Weg zum Markinkele nicht. Wird aber schon seit mehr als 10 Jahren nicht mehr instand gesetzt. Mit euren schweren Maschinen kommt ihr da sicher nicht rauf!" Von dem Gipfel des Markinkele hatten wir zwar schon gehört, waren aber ganz selbstverständlich davon ausgegangen, das die Befahrung gesperrt wäre. Am nächsten Morgen finden wir uns ständig auf irgendwelchen Höfen wieder, da wir den Einstieg zum Markinkele mit unseren viel zu groben Straßenkarten nicht finden. Irgendwann klappt es dann doch und wir machen nach einer flüssig zu fahrenden Schotterstrecke nach einem Drittel des Weges an der Sylvesterkapelle Halt. Nach den freundlichen Tipps eines ortsansässigen Hoteliers, der dort mit einer Gästegruppe rastet, haben wir keine Sorgen den weiteren Weg zu verfehlen.
Zunächst geht es recht kommod über grob geschotterte Wege gut voran; jedoch verschlechtert sich der Weg zusehends und der Schweiß beginnt zu laufen. Schließlich passieren wir - durch Hangrutschungen bedingte - Engpässe und Hindernisse die nur noch ein sehr schmaler Geländewagen meistern könnte. Immer weiter windet sich der Weg über Geröll und freigelegten Unterbau bis wir um den Gipfel des Kreuzberg herumgeführt werden und uns unversehens auf der Kammstrecke zwischen dem Sattel des Kreuzbergs und dem Gipfel des Markinkele wiederfinden. Wir sind schon recht stolz auf die "Bezwingung" und entsprechend häufig klicken die Kameraverschlüsse um unsere Leistung beweiskräftig zu sichern. Es bietet sich ein perfekter 360° Panoramablick auf die umliegende Bergwelt den wir so schnell nicht vergessen werden!
Nach dem Beweis der Schottertauglichkeit unserer Mopeds müssen sie nun ihre Schräglagentauglichkeit unter Beweis stellen. Es steht die große Pässerunde durch die Dolomiten auf dem Plan! Nach günstigem Tanken im nahen Österreich sind wir dann über das Sextental - perfekte Kurvenkombinationen - den Kreuzbergpass, den schönen Passo del Zovo nach Auronzo di Cadore geschwungen. Der B48 folgen wir über den Passo Tre Croci nach Cortina d'Ampezzo zum Passo di Falzarego.

Dort gibt es einen Gipfellift, dieser ist zwar recht teuer (11,20€), aber
jeden Cent wert. Ein perfektes Dolomiten Panorama erwartet den Besucher! Über die irrwitzig vielen und extremen Kurven des Grödnerjoch, des Sellajoch
und den Passo Pordoi geht es runter nach "Disneyland", wie wir, anhand
des wahnwitzigen Touristenrummels, Arabba kurzerhand umbenennen. Heilfroh,
diesen Rummel hinter uns lassen zu können, surfen wir über den letzten Pass
des Tages, den Passo di Campolongo und über Brunico erreichen wir schon bald
wieder Dobbiacco. Hier genießen wir noch das
österreichische Villgratental mit seinen ursprünglichen schwarzen Holzhäusern
und relaxen bei frischem Apfelstrudel und Cappucino im kleinen Dörfchen
Wolkenstein, ganz am Ende des Tals.
TIPP: Wer
es sich richtig besorgen will, versucht sich an der Befahrung des Weges zur
Gölbnerblickhütte, einer Jausenstation die an der Pustertaler Höhenstrasse
bei Anras ihre Einfahrt hat. Der Weg führt ca. 6 km über stetig heftiger werdenden
Schotter. Zunächst ist der Weg nicht steil aber dafür ist der Unterbau schlecht. Die finalen 500m waren so ausgefahren, die Wacker und Löcher so groß und der Weg so steil, das wir
(beschämt) die letzten Meter zu Fuß zurücklegten.....
In der Jausenstation ist es sehr urig und wir die einzigen
"Nicht-Einheimischen".
Voll bepackt wenden wir uns anderntags westwärts und erreichen nach Brixen, dem Jaufenpass und Meran, schließlich das Martelltal. Das Martelltal ist fantastisch zu fahren und verwöhnt immer wieder mit neuen unerwartet guten Kurvenkombinationen!
Voller Vorfreude stürzen wir uns auf die 48 Kehren des Stilfser Joch, die zwar anspruchsvoll, aber nicht sehr angenehm zu fahren sind.
Wesentlich schöner lässt sich da schon die Südrampe mit den perfekten Kurvenradien runter"swingen". Kurz vor Bormio angekommen, halten wir uns nördlich und finden den Einstieg in die Schotterkehren zu den beiden Lago S. Giacomo und di Cancano. Da es leider keine Verbindung zu anderen Strecken gibt müssen wir die gleichen Schotterkehren wieder runter und stellen abermals fest, das es sich bergan doch deutlich leichter driften lässt als bergab.... Egal, ein Heidenspaß ist es allemal.
Kurze Zeit später erreichen wir das zollfreie Valle de Livigno und stellen verblüfft fest, das hier der Liter Super nur 77 Cent kostet! Dafür werden wir bei der Ausfahrt aus dem Gebiet heftig gemolken, da die Nordausfahrt zum Ofenpass ein privat betriebener Tunnel ist und die Benutzung 7 € kostet! Aber egal, das Tal ist wirklich wunderschön und die Landschaft entlang des Lago Livigno erinnert an einsame Wüstengegenden. Grandios!
Da sich die Reisezeit ihrem Ende nähert, verlassen wir über die ziemlich chaotische Verkehrsführung Meran und steuern das Timmeljoch an. Großartig, die Strecke gehört eindeutig zu den besten Bergstrecken der Reise!
Kleine
Sauerei am Rande: Die Österreicher kassieren für die österreichische
Abfahrt satte 8 € und die Strecke ist in wesentlich schlechterem Zustand als auf der
- kostenlosen - italienischen Seite! Im Tal wird dann auch noch fleißig geblitzt
(gottlob wir nicht) und somit haben die Österreicher ihrem Ruf mal wieder alle Ehre
gemacht.
Über das wenig frequentierte, flüssig zu fahrende Hahntennjoch verlassen wir
die Bergwelt und biegen bei Reutte endgültig auf die Autobahn gen Heimat. Hier haben wir Gelegenheit den vergangenen 2 Wochen im Geiste nachzuspüren,
noch einmal den Dreck der Schotterpisten zu schmecken, das schmerzhafte
Durchschlagen der Federung am Markinkele zu registrieren, dem beginnenden
Wegschmieren des Hinterrades am Grödnerjoch nachzufühlen und noch einmal das
eiskalte Wasser der Sóca an den Beinen zu spüren.
Eine Alpentour mit dem Motorrad ist eine ganzheitliche Erfahrung: sie fordert, sie macht glücklich, sie stresst, sie überwältigt, sie erschöpft, sie beeindruckt. Kurz: Sie hat ein hohes Suchtpotential!